„Unplanned“ – wie die „Lebensschutz“-Szene Hollywood erobern will

„Unplanned ist kein gutes Drama, aber effektive Propaganda.“ (Variety)

 

Seit dem 29. März 2019 läuft in den amerikanischen Kinos ein Anti-Abtreibungsfilm mit dem Titel „Unplanned“ (Ungeplant). Der rund 100-minütige Film basiert auf den Memoiren Abby Johnsons, die früher in einer Planned Parenthood Klinik arbeitete und später eine der prominentesten Anti-Abtreibungsgegnerinnen in den USA wurde. Der Film wurde von „Pure Flix“ für rund sechs Millionen US Dollar produziert.

Der Film kommt zu einem Moment, als das Recht auf Abtreibung in den USA wackelt. Das Grundsatzurteil Roe v. Wade aus dem Jahr 1973 ist in Gefahr. Kippt es oder wird es untergraben, werden zahlreiche Bundesstaaten in den USA Abtreibungsrechte einschränken. Die Macher*innen von „Unplanned“ haben genau das zum Ziel. „Ich hoffe der Film startet eine kulturelle Bewegung, die Roe v. Wade kippt. Das wäre ein Sieg für uns“, sagt Cary Solomon, der den Film gemeinsam mit Chuck Konzelman schrieb und mit ihm auch die Regie führte. „Pure Flix“, die Firma, die den Film herausbringt, ist eine Firma, die in erster Linie christliche Filme produziert.  

Der Fall Abby Johnson 

Abby Johnsons Fall machte weltweit Schlagzeilen. Sie war zunächst Direktorin einer Planned Parenthood Klinik, kündigte jedoch 2009 ihren Job bei der Klinik und wurde zu einer der prominentesten „Lebensrechtlerinnen“ in den USA. Nach ihrer Kündigung wurde sie Teil der Vorgängerversion von „40 Tage für das Leben“, eine Vereinigung, die mittlerweile auch in Deutschland aktiv ist. 

„Der Moment, der alles veränderte“ sei laut Johnson ein Schwangerschaftsabbruch in der von ihr geleiteten Klinik gewesen. Nach eigenen Angaben beobachtete sie auf einem Ultraschall einen Abbruch in der 13. Schwangerschaftswoche. Auf dem Ultraschall sei ein Fötus mit Kopf, Rumpf und Gliedmaßen erkennbar gewesen, der sich scheinbar verzweifelt vom Werkzeug der Ärztin wegbewegt, bevor die Frucht abgesaugt wird. 

Es ist ein Film und natürlich haben die Macher*innen künstlerische Freiheit. Jedoch behaupten sie, dass der Film auf Tatsachen basiert. Daher möchte ich einige Punkte anbringen, die an Abby Johnsons Darstellung Zweifel wecken:

  1. Im Film bezeichnet die Protagonistin das, was sie auf dem Ultraschall beobachtet, als „Kampf ums Überleben“. Das ist eine irreführende Aussage, da Föten bis zur 13. Schwangerschaftswoche und weit darüber hinaus kein Schmerzempfinden haben. Darüberhinaus sind zu diesem Zeitpunkt neurologisch keine Anlagen vorhanden, die Gefahr erkennen und darauf reagieren könnten – das Gehirn existiert schlicht noch nicht. 
  2. Recherchen von Nate Blakeslee von Texas Monthly legen nahe, dass diese Abtreibung überhaupt nicht stattgefunden hat. Die diensthabende Ärztin gibt an, an diesem Tag keinen Ultraschall verwendet zu haben und Johnson soll auch bei keiner Abtreibung assistiert haben.
  3. Johnson gab an, dass es sich um eine Abtreibung in der 13. Schwangerschaftswoche handelte, wo in der Tat häufiger ein Ultraschall hinzugezogen wird. Die Aufzeichnungen der Klinik zeigen, dass an diesem Tag keine der Patient*innen in der 13. Woche war, vielmehr war kein*r Patient*in über zehn Wochen.
  4. Und auch der zeitliche Ablauf scheint nicht ganz so glasklar nachvollziehbar zu sein, wie es die Autoren des Films darzustellen versuchen. Die oben geschilderte Abtreibung, die den Gesinnungswandel scheinbar in ihr auslöste, war laut Johnsons Aussage am 26. September. Am Tag darauf war sie in ihrer Funktion bei Planned Parenthood zu Gast bei einer Radiosendung von „Fair and Feminist“, um von ihrer Arbeit zu erzählen. In der einstündigen Sendung beschreibt Johnson ihre Arbeit enthusiastisch und macht sich über „40 Tage für das Leben“ lustig. Sie hört sich ganz und gar nicht an wie eine Frau, die eine Erfahrung machte, die ihr Leben nachhaltig veränderte. Vielmehr gibt es Hinweise darauf, dass Johnson ihre Arbeit nicht sorgfältig erledigte und ihr eine Kündigung drohte. Auf ihrer Facebook-Seite gab sie Überlastung als Kündigungsgrund an, keine Rede von moralischen Bedenken in Bezug auf ihre Arbeit.

Auf Nachfrage von Journalisten verstrickte sich Johnson in weitere Widersprüche. Damit konfrontiert wirft sie Planned Parenthood vor, die Aufzeichnungen manipuliert zu haben. Hier steht nun Aussage gegen Aussage: die Autoren des Skripts berufen sich auf Johnson und einen Arzt, der zufälligerweise auch Pro Life Aktivist ist. Nun ja.

Reaktionen auf den Film 

Die Macher*innen des Films, christliche Anti-Abtreibungsaktivist*innen hatten gehofft, Eindruck in Hollywood zu schinden. Ist ihnen das gelungen? 

Bereits in den ersten zehn Minuten des Films werden drei Abtreibungen gezeigt, die dem Film ein so genanntes „Restricted“ Rating einbrachten, was allerlei hinderliche Folgen nach sich zieht. Die blutigen Abtreibungsszenen veranlassten die Motion Picture Association of America (MPAA) zu dieser Entscheidung, boten den Produzent*innen aber an, das Rating zu lockern, wenn die entsprechenden Szenen herausgenommen würden. Die Filmemacher*innen wollten aber bewusst nicht auf diese Szenen verzichten – Schockbilder gehören wie es scheint auch in den USA zum Repertoire der Abtreibungsgegner*innen.

Interessant – wenn auch nicht verwunderlich – ist, dass sowohl US-Präsident Donald Trump als auch Vice President Mike Pence den Filmemacher*innen zu Hilfe eilten und versuchten den Film zu pushen. So schrieb Pence auf Twitter: „ein sehr inspirierender Pro Life film (…) dank Geschichten wie dieser stehen immer mehr Amerikaner für die Heiligkeit des Lebens ein.“ 

Außer Fox News und dem Christian Broadcasting Network luden kaum Sender die Filmemacher*innen zu Interviews ein. Dennoch übertraf der Film die Erwartungen. Am ersten Wochenende brachte er mehr als sechs Millionen US Dollar ein – die Ausgaben sind somit gedeckt. 

Der deutschsprachige christlich-konservative Blog kath.net schrieb wohlwollend über den Filmstart, wann der Film international ausgestrahlt wird, ist noch nicht heraus. Derzeit wird auf der Seite des Films um Spenden gebeten. 

Ich erwarte, dass der Film über kurz oder lang in Europa landen wird. Geld ist in „Pro Life“ Kreisen ausreichend vorhanden. Er wird vermutlich keine Menschen davon überzeugen, sich gegen Abtreibungen zu stellen – vielmehr wird er diejenigen aktivieren, die eh schon überzeugte Aktivist*innen sind. 

Aber – und das ist nicht zu bestreiten – „Unplanned“ ist ein manipulativer und kalt kalkulierter Film und nun ein weiteres Puzzleteil der Anti-Abtreibungspropaganda.

Autorin: Kili Mandscharo

Quellen und Leseempfehlungen: 

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