10 Mythen und Geschichten der „Lebensschutz“-Bewegung

Die selbst ernannte „Lebensschutz“-Bewegung ist eine Bewegung, die sich vor allem – aber nicht ausschließlich – um das Thema Abtreibung kümmert. Sie ist keine Ein-Punkt-Bewegung wie wir im Folgenden sehen, ihnen geht es um mehr als nur das Verbot von Abtreibungen. Sie sind Teil des organisierten Antifeminismus, zu dem wir auch (extrem) rechte Parteien, Burschenschaften, verschiedene Publizist*innen, usw. zählen. Gemein ist ihnen, dass sie Macht weg von Individuen, die universelle Rechte haben, hin zu Institutionen wie der Kirche, patriarchalen Familienstrukturen, Polizei und „starken“ Führungspersonen verschieben möchten. Sie sind antiliberal und vertreten häufig völkisch-nationalistisches Denken. Der*die Einzelne ist ihnen zufolge nicht in der Lage, für sich selbst zu bestimmen und selbst zu entscheiden, was gut für sie*ihn ist. Am liebsten wäre es ihnen, würden die Entscheidungen die oben genannten Institutionen übernehmen, an deren Spitze sie am liebsten natürlich ihresgleichen sitzen hätten.

Es folgen zehn Mythen und Narrative (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) der „Lebensschutz“-Bewegung:

„Eine Abtreibung hat immer zwei Opfer“

„Lebensschützer*innen“ haben gemerkt, dass es nicht zielführend ist, Frauen und ungewollt Schwangere an den Pranger zu stellen. Darum sind einige von ihnen dazu übergegangen, die „zwei-Opfer-Theorie“ zu verbreiten. Vermeintlich stellen sie so die Frau in den Mittelpunkt und geben vor sich um ihr körperliches und seelisches Wohlbefinden zu sorgen. Hakt man genauer nach, merkt man schnell, dass es ihnen einzig und allein um den Fötus geht, der in jedem Fall ausgetragen werden muss. Die schwangere Person hat für sie keine Entscheidungsfreiheit über den eigenen Körper.

„Es gibt nur Mann und Frau … basta!“

Selbst ernannte „Lebensschützer*innen vertreten ein streng binäres, also zweigeschlechtliches Weltbild. Für sie gibt es Mann und Frau, Junge und Mädchen und damit hat es sich. Den beiden Geschlechtern werden jeweils Rollen zugewiesen. Der Mann ist der Ernährer und Versorger – geht also arbeiten, die Frau ist Mutter und emotionale Stütze der Familie.

Es geht uns (Queer-)Feminist*innen nicht darum, „Mann“ und „Frau“ abzuschaffen. Jedoch sind sich Wissenschaftler*innen aus verschiedensten Disziplinen einig, dass die binäre Geschlechtereinteilung einfach nicht mehr haltbar ist. Es gibt non-binäre Menschen, die sich mit diesen Kategorien nicht identifizieren können oder wollen und einen anderen Geschlechtsausdruck leben möchten. 

„Für das Leben“ 

Ein besonders perfides Narrativ. Viele Abtreibungsgegner*innen geben sich selbst das Label „Pro Life“, „für das Leben“ oder „Lebensschutz“. Perfide ist das, da ein Verbot von Abtreibungen einzig und allein dazu führen würde, dass noch mehr Menschen Jahr für Jahr ihr Leben verlieren, weil sie keinen Zugang zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen haben. „Sicher“ ist ein Abbruch laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) dann, wenn er von qualifiziertem Personal unter medizinischen Mindeststandards durchgeführt wird. Bereits heute sterben laut WHO jährlich mindestens 22.800 Menschen* in Folge eines Schwangerschaftsabbruchs, sieben Millionen erleiden schwerwiegende gesundheitliche Folgen**. Mit unserer Forderung nach legalem, straffreien und sicheren Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen kämpfen wir für das Leben bzw. ums Leben.

*https://www.guttmacher.org/report/abortion-worldwide-2017
**https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/preventing-unsafe-abortion

Post-Abortion-Syndrom (PAS) 

„Lebensschützer*innen“ üben gerne und auf verschiedene Art und Weise Druck auf ungewollt Schwangere aus. Mit dem Post-Abortion-Syndrom gehen sie besonders gerne hausieren. Das „Syndrom“, das sie im Übrigen selbst erfunden haben, ist eine diffuse Ansammlung von Symptomen, die nach einer Abtreibung vermeintlich eintreten sollen. Von Brustkrebs, psychischen Erkrankungen und ähnlichem ist da die Rede. Bisher konnte keine wissenschaftliche Studie bestätigen, dass es diese Symptome überhaupt gibt. Das PAS gibt es nicht!

Was wissenschaftliche Untersuchungen und Erzählungen von Menschen, die abgetrieben haben, hingegen bestätigen, ist, dass es weniger die Abtreibung an sich ist, die belastet, sondern die Situation im Vorfeld. Darum fordern wir eine Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen, also die Streichung von §218 Strafgesetzbuch und einen offenen und transparenten Zugang zu Informationen rund um das Thema Schwangerschaftsabbruch, also die Streichung des §219a Strafgesetzbuch.

„Wir wollen Abtreibung Geschichte machen“ 

Die Abtreibungszahlen liegen in Deutschland recht stabil bei rund 100.000 Abbrüchen pro Jahr und das wird wohl auch so bleiben. Denn wo Menschen Sex haben, da werden Menschen (ungewollt) schwanger. Keine Verhütung ist zu 100% sicher, Kondome versagen, einmal Durchfall und die Pille kann ihre Wirksamkeit verlieren, etc. Von Schwangerschaften, die aus Vergewaltigungen entstehen, wollen wir gar nicht erst sprechen. Schaut man in die Vergangenheit, weiß man eigentlich, dass es Abtreibung immer gegeben hat und immer geben wird. Die Frage ist lediglich, ob Frauen und Menschen mit Uterus legal und gut versorgt abtreiben oder illegal und unsicher bei irgendwelchen Kurpfuschern. Die einzigen, die das konstant ignorieren, sind radikale Abtreibungsgegner*innen.

„Abtreibung ist Mord/ Tötung“

Einige selbst ernannte Lebensschützer*innen bezeichnen ungewollt Schwangere, die sich zum Abbruch entschieden haben, unverhohlen als Mörderinnen. Sie stehen vor Kliniken und Beratungsstellen und fragen: Willst Du zur Mörderin werden? Sie veröffentlichen NS-relativierende Inhalte auf ihren Webseiten und vergleichen eine Abtreibung mit der Shoa, dem größten Verbrechen der deutschen Geschichte. Das ist antisemitisch und Psychoterror!

Und auch wenn Fakten immer weniger eine Rolle spielen, vom rechtlichen Standpunkt aus gesehen, ist eine Abtreibung keine Tötung und auch kein Mord. Beide Straftatbestände sind nur auf geborene Menschen anwendbar. Diese Aussage soll – wie so viele andere – den öffentlichen Diskurs prägen und ungewollt Schwangere unter Druck setzen.

„Sex dient der Fortpflanzung“ 

„Lebensschützer*innen“ rekrutieren sich aus einem religiösen Milieu. Das erklärt vermutlich, warum Sexualität für sie ausschließlich in der heterosexuellen Ehe stattzufinden hat und reproduktionsorientiert ist. Es geht also darum, Nachwuchs zu zeugen. Beim Sex Lust und Spaß zu haben? Undenkbar. Selbstbefriedigung ist verpönt und einige von ihnen lehnen sogar Verhütungsmittel ab.

In diesem Kontext tritt ihr Hass auf Homosexuelle besonders deutlich zu Tage. Für „Lebensschützer*innen“ sind sie Repräsentant*innen einer als – „unnatürlich“ und „unmoralisch“ verurteilten reproduktionsunabhängigen Sexualität. Ein europaweites Netzwerk namens „Agenda Europe“ verfolgt das Ziel, den abwertenden Begriff „Sodomie“ für Sex zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern zu etablieren.

„Der Volkstod droht“

Immer wieder beschwören Abtreibungsgegner*innen und Antifeminist*innen eine völkische Untergangsstimmung. Sie reden von einer demographischen Krise, verursacht durch vermeintlich steigende Abtreibungszahlen und Zuwanderung. Diesem Narrativ liegt rassistisches, völkisch-nationalistisches Denken zu Grunde und rückt sie ganz nahe an die (extreme) Rechte heran.

„Gender-Wahn“ 

Anti-Genderismus ist eines der Kittthemen des organisierten Antifeminismus. Unter „Gender-Wahnsinn“, „Gender-Gaga“ oder „Gender-Ideologie“ werden allerlei Themen recht beliebig subsummiert. So wird unter anderem verbreitet, dass Feminist*innen mit Genderismus aus Jungs Mädchen und aus Mädchen Jungs machen wollten. Kinder würden „frühsexualisiert“ und Lehrkräfte würden sich an ihnen vergehen. Antifeminist*innen nutzen in diesem Kontext sehr diffuse Begriffe, die wenig mit der Realität zu tun haben. Denn Genderstudies dienen der Gleichstellung und liefern wertvolle pädagogische Aufklärungsarbeit u.a. zur Verhinderung von Missbrauch.

„Abtreibung trifft immer die Schwächsten“

Mit „den Schwächsten“ meinen „Lebensschützer*innen“ Föten, bei denen im Zuge einer Pränataldiagnostik (PND) eine positive Diagnose gestellt wurde. Eine positive Diagnose bedeutet, dass der Fötus womöglich mit einer Behinderung auf die Welt kommt. „Womöglich“, da PND keine eindeutige Diagnose, sondern lediglich eine Wahrscheinlichkeit für eine Behinderung liefern kann. Die selbst ernannten „Lebenschützer*innen“ setzen seit einiger Zeit gezielt auf diesen Themenkomplex und instrumentalisieren Menschen mit Behinderung so für ihre Zwecke. Menschen pauschal als „schwach“ zu bezeichnen ist manipulativ und dient ausschließlich ihrer Agenda.