Zerbrecht die Spiegel! Ein Plädoyer für Scherben … und den Feminismus

Von Kili Mandscharo

“Women have served all these centuries as looking glasses possessing the magic and delicious power of reflecting the figure of man at twice its natural size.” 

„Frauen haben all diese Jahrhunderte als Spiegel gedient, die jene magische und bezaubernde Macht besitzen, die Gestalt von Männern in doppelter Größe wiederzugeben.“

-Virginia Woolf –

Frauen (1) auf der ganzen Welt müssen Angst haben. Einfach nur weil sie Frauen sind. Sie werden verprügelt, mit Säure übergossen, vergewaltigt und sie werden ermordet. In Deutschland wird alle drei Tage eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. In Österreich wurden seit Beginn des Jahres (2) bereits sieben Frauen (3) von Männern aus ihrem direkten Umfeld getötet (4).

Geschieht ein solcher Mord oder Übergriff, schreiben die Medien vom „Beziehungsdrama“, vom „schief gegangenen Flirt“ oder von „Familientragödien“. Einerseits ist das eine unsägliche Verharmlosung misogyner, also frauenfeindlicher Taten, andererseits vermitteln diese Begriffe, dass es sich bei diesen Morden um Privatsache handle. Die Botschaft, die also immer mitschwingt: Was Heinz, Joachim oder Klaus mit „ihren“ Freundinnen und Ehefrauen daheim anstellen, das geht niemanden was an. Ausnahme: Es ist einer dieser „Fremden“, der sich an „unseren Frauen“ vergreift, dann ist der Aufschrei auf einmal groß. Versteht mich nicht falsch, ich wünsche mir mehr dieser Aufschreie. Aber ich wünsche sie mir eben auch, wenn der Täter Heinz, Joachim oder Klaus heißt. Ansonsten ist die Empörung einfach nur scheinheiliger Rassismus.  

Wir müssen über diese Gewalt sprechen. Wir müssen darüber sprechen, dass diese Gewalt männlich ist. Und wir müssen darüber sprechen, woraus diese männliche Gewalt entsteht. 

Ein Blick zurück 

Ich habe diesen Text mit einem Zitat der britischen Autorin und Verlegerin Virginia Woolf (1882 bis 1941) begonnen. Ihr gesellschaftskritisches Essay „Ein Zimmer für sich allein“ (5) aus dem Jahr 1928 war die Inspiration zu diesem Beitrag. Das Essay mit dem Originaltitel „A room of one’s own“ beruht auf zwei Vorträgen zum Thema „Frauen und Literatur“, die Woolf an britischen Universitäten hielt. Der Text ist fast 100 Jahre alt und doch von so großer Aktualität, dass ich ihn ohne große Schwierigkeiten dazu nutzen kann, um wie sie damals Kritik an unserer heutigen Gesellschaft zu üben. Denn wie damals leben wir in einer Gesellschaft, in der Gewalt als zentraler Teil des Mannseins akzeptiert wird. Eine solche Gesellschaft ist toxisch. Männer, die ihre Gefühle lieber unterdrücken als liebevoll mit sich selbst und anderen zu sein, sind toxisch. Wie Woolf diese toxische Männlichkeit bereits in den 1920er Jahren wahrnahm, schauen wir uns jetzt gemeinsam an, indem wir sie bei der Vorbereitung für ihren Vortrag begleiten. 

Die Gelehrten und Vorurteilslosen 

Um sich ein unabhängiges Bild über „die Frau“ zu verschaffen, geht Woolf ins Britische Museum in London. Denn „die Gelehrten und Vorurteilslosen“, deren Bücher in diesem Museum stehen, seien schließlich die besten Ratgeber*innen. Als sie vor den Regalen steht, stellt sie fest, dass durchaus viel(fältige) Literatur über die Frau existiert – von Autoren, die durchweg männlich sind. Denn zu einer Zeit, in der es noch wenige Autorinnen gab, war die Frau vor allem Gegenstand der Literatur, die in erster Linie von Männern geschrieben wurde. Woolf beschreibt das Bild, dass sich ihr aufdrängt, so:  

„Allein beim Lesen der Titel sah man im Geiste unzählige Schulmeister und unzählige Kleriker auf ihre Kanzeln und Katheder steigen und mit einer Geschwätzigkeit Reden schwingen, die weit über eine Stunde hinausgingen, die man der Erörterung eines solchen Themas gemeinhin zubringt.“ 

Wer kennt sie nicht, diese Tüpen, die wie selbstverständlich meinen, kommentieren zu müssen, was Frau ist, isst, wie sie aussieht und was sie wie tut. An der Stelle ein kurzer Schwenk zurück ins 21. Jahrhundert, denn leider passiert das immer noch! Ein Beispiel: 2018 machte ein Bild der Läuferin Sophie Power die Runde. Irgendwer machte übergiffigerweise ein Foto von ihr, als sie ihr Kind stillte – während eines Ultramarathons. Die Männerwelt (leider nicht nur die) war in Aufruhr. Viele meinten sich herausnehmen zu dürfen, die komplett private Entscheidung der Familie Power zu kommentieren. Darunter war auch ein Prachtexemplar namens Mike Kleiß vom Tagesspiegel. Dieser Mike schreibt in einem Artikel: 

„Wer als Frau ein Baby von drei Monaten hat, einen Ultramarathon läuft, sich an jeder Verpflegungsstation Milch abpumpt und diese dem Mann mitgibt, damit er das Baby füttern kann, hat den Schuss nicht gehört.“ (6)

Der einzige, der „den Schuss nicht gehört hat“, bist du Mike. Er meint übrigens auch, dass mann „bei der Gender Debatte, die seit Jahren tobt vorsichtig sein müsse“. Ah ja… Mein Vorschlag zur Güte: Nimm dich künftig zurück und hör auf dich in Dinge einzumischen, die dich einfach gar nichts angehen. Und by the way: manchmal haben Babys einfach Hunger und müssen was essen. 

Aber zurück nach London. Trotz der scheinbar eher zweifelhaften Qualität der Bücher wählt Woolf einen Schwung aus und durchforstet diese, um ihre offenen Fragen zum Thema „Frauen und Literatur“ zu beantworten. Leider sitzt sie am Ende des Tages mit mehr Fragen als Antworten da. Die Bücher hatten ihr für ihren Vortrag kein bisschen weitergeholfen. „Es schien reine Zeitverschwendung, all diese Herren, die sich speziell mit Frauen und ihrer Wirkung auf was auch immer – Politik, Kinder, Löhne, Moral – befasst hatten, zu konsultieren.“ Nach der Erfahrung, die wir mit Mike machten, würden wir ihr dahingehend vermutlich zustimmen. 

Da sie den Vortrag natürlich dennoch halten möchte, denkt Woolf darüber nach, wie sie das Gelesene nutzen kann. Und während sie vor sich hingrübelt, zeichnet sie einen Professor, der in einem der von ihr gelesenen Bücher geschrieben hatte, dass Frauen dem Mann „geistig, moralisch und körperlich unterlegen“ seien. Die Zeichnung beschreibt sie so: „Seine Miene verriet, dass er von Gefühlen heimgesucht wurde, die ihn dazu trieben, mit seinem Stift auf das Papier einzustechen, als würde er beim Schreiben ein schädliches Insekt töten, aber als er es getötet hatte, war er dennoch nicht zufrieden, sondern fuhr fort, es weiterzutöten, und auch dann blieb noch immer ein Grund für Wut und Gereiztheit“. 

Woolf fragt sich, wie diese Gewaltfantasien des Professors zu erklären sind. Warum ist dieser privilegierte Mann nur so wütend? Und nicht nur dieser. Bei allen Autoren hatte sie den Eindruck, dass da irgendetwas schwelt, „eine Wut, die unter die Oberfläche abgetaucht war und sich mit allen möglichen anderen Gefühlen vermischt hatte.“ 

Die Frau als Zauberspiegel

Als sie die Bücher zurückgibt, bleibt ihr als einzige Erkenntnis, dass die Autoren aus irgendeinem Grund wütend sind. Das kann sie zunächst nicht nachvollziehen, denn immerhin kontrollieren die Herren der Schöpfung doch so vieles auf dieser Welt. Eine Welt, die ihnen dank patriarchaler Strukturen ganz und gar offen steht. Denn Macht besitzen damals wie heute vor allem weiße, heterosexuelle und gut situierte Männer. Sie sind es, die beinahe alle Schlüsselpositionen in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Kunst und Kultur besetzen. Betrachtet man sich die Vermögensverteilung zeichnet sich ein ähnliches Bild. Die Krux ist, wer viel hat, dem kann auch viel genommen werden und wer lässt sich gern schon etwas wegnehmen? Wut und Macht gehen also Hand in Hand. „Reiche Leute (sind) oft wütend, weil sie argwöhnen, die Armen wollten ihnen ihren Reichtum wegnehmen“, schreibt Woolf. Männer fürchten den Verlust des eigenen aufgeblähten Selbstwertgefühls und der Privilegien, die das Patriarchat für sie in petto hat. Denn sie brauchen Frauen zur eigenen Erhöhung. 

„Frauen haben all diese Jahrhunderte als Spiegel gedient, die jene magische und bezaubernde Macht besitzen, die Gestalt von Männern in doppelter Größe wiederzugeben.“ 

Das männliche Ego braucht die Frau also als eine Art Zauberspiegel, durch den es selbst stärker, fähiger und besser wirkt. Die Abwertung der Frau spielt dabei eine wichtige Rolle, denn „für einen Patriarchen, der erobern muss, der herrschen muss, (ist) das Gefühl, eine große Anzahl von Leuten, ja, die Hälfte der Menschheit, seien ihm von Natur aus unterlegen, so ungeheuer wichtig.“ Wenn Frauen sich aber emanzipieren, geht Männern dieser Spiegel und die vermeintliche Überlegenheit verloren. Und diese wollen sie sich eben nicht wegnehmen lassen. Damals bestanden „sowohl Napoleon als auch Mussolini so nachdrücklich auf der Unterlegenheit der Frauen.“ 

Und heute? Heute inszenieren sich rechte Menners immer wieder als Opfer „hysterischer Femnazis“, die die Welt aus den Fugen gehoben haben und Männer „verschwulen“ oder „verweiblichen“ wollen. Rechte machen landauf landab mobil gegen den so genannten „Gender-Wahnsinn“, der aus Männern Frauen und aus Frauen Männer mache. Höcke jammert davon, dass die Deutschen ihre Männlichkeit verloren hätten und Männer wieder „mannhaft“ und „wehrhaft“ werden müssen. Und der Burschenschaftler Dominik klagt gegen Frauenparkplätze, weil er sich von ihnen „diskriminiert“ (8) fühlt. Dieses Narrativ ist reaktionär und toxisch – für Frauen, aber auch für Männer. Denn um sich gegen die vermeintliche „Verweichlichung“ zu stellen, werden Männer entweder zu Tätern oder sie zerbrechen. Beides hat Gewalt zur Folge, entweder gegenüber anderen, oder sich selbst. (9)

Die Spiegel zerschlagen  

Ich schrieb ganz am Anfang, dass dieser Text ein Plädoyer für Scherben ist. Denn diese Spiegel, die einfach nur dazu dienen, ein verzerrtes Bild zu vermitteln und andere herabstufen, die gehören zerschlagen. Genauso wie die Strukturen, die sie halten und reproduzieren.

Dieser Artikel ist auch ein Plädoyer für den Feminismus. Denn die Emanzipation hat es vielen Frauen ermöglicht, in Rollen zu schlüpfen, die zu Zeiten, als Virginia Woolf ihr Essay schrieb, gar nicht denkbar gewesen wären. Wir haben viel erreicht seitdem und uns einige Freiheiten erkämpft. Diese Freiheiten gilt es zu verteidigen, gerade in Zeiten, in denen rechte Männerbünde Druck ausüben, wo sie können. Und wir müssen sie weiter ausbauen, denn Männer haben vom Feminismus bisher nicht im gleichen Maße profitiert wie Frauen. Fällt einer aus der ihm ansozialisierten Rolle, vergibt ihm das die Gesellschaft noch viel zu oft nicht. Die Folge sind Härte und Empathielosigkeit gegen sich selbst und andere und wo das endet, sehen wir an den oben genannten Zahlen. Gewalt gegenüber Frauen, Vergewaltigungen und Femizide sind trauriger Alltag. 

Glauben wir Margarete Stokowski, dann sind die letzten Tage des Patriarchats bereits angebrochen. (9) Ist dieses Gebaren der Rechten also ein letztes Aufbäumen? Leben wir bald alle das schöne Leben? 

Ich fände das toll, denn ich glaube wir wären alle ein gutes Stück zufriedener und glücklicher. Die Freiheit zu sein, wer wir wirklich sein wollen, wäre da, wenn wir uns von den vermeintlich vorgeschriebenen Rollen lösen könnten.

Der Artikel erschien zuerst in der zweiten Ausgabe des Fanzines „Nebenwidersprüche“. 

Fußnoten und Quellen: 

(1) Der Text, der Grundlage meines Artikels ist, geht von einer Binarität aus, also dass es ausschließlich Frauen und Männer gibt. Er blendet also nicht binäre, trans und inter Identitäten aus. Ich finde ihn dennoch für heute relevant, weil er meines Erachten das Verhältnis der weiblichen zur männlichen Geschlechterrolle analysiert, der auch für die heutige Geschlechterordnung bedeutend ist. Wenn ich in diesem Text also Virginia Woolfs Binarität aufgreife, spreche ich von auch heute noch gültigen Bildern von Männlichkeit und Weiblichkeit und deren Verhältnis zueinander.

(2) Es ist der 9. Februar 2019 als ich diesen Artikel abgebe. 

(3) Vice Artikel: https://www.vice.com/de/article/bjqme8/feminizide-mord-und-totschlag-an-frauen-in-oesterreich (zuletzt abgerufen am 9.2.19., 10 Uhr)

(4) Die Regierung unter Kurz hat die Gelder für (Gewalt-)Präventionsarbeit, feministische Projekte und solche, die sich um Opfer häuslicher Gewalt kümmern, im Übrigen massiv zusammengestrichen. 

(5) Virginia Woolf: Ein Zimmer für sich allein. (Englischer Originaltitel: A room of One’s own) Reclam, 2012. 

(6) Tagesspiegel Artikel: https://www.tagesspiegel.de/sport/kolumne-so-laeuft-es-sophie-power-hat-das-mass-verloren/23059318.html (zuletzt abgerufen am 27.1.19, 16 Uhr)

(7) Tagesspiegel Artikel: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/klage-vor-verwaltungsgericht-mann-fuehlt-sich-durch-frauenparkplaetze-diskriminiert/23899328.html (zuletzt abgerufen am 9.2.19, 11:17 Uhr)

(8) Menners können in der Welt, in der wir derzeit leben, nicht diskriminiert werden weil sie Menners sind. Diskriminierung ist ein Mechanismus, der unterdrückte Gruppen oder Minderheiten von gesellschaftlicher Teilhabe und Gleichberechtigung fernhält. Siehe dazu auch den Glossareintrag zu „Reverse Sexism“. 

(9) Margarete Stokowski: Die letzten Tage des Patriarchats. Rowohlt, 2018